von © Maga. Sabine
Fabach (2003)
Was ist eine multiple Persönlichkeit?
Es handelt sich dabei um das Vorhandensein von zwei oder mehreren Identitäten
in einem Menschen. Diese Identitäten sind meist von ihrem Alter,
Verhalten, ihrer Stimme, ihren Vorlieben und Gewohnheiten und auch Begabungen
völlig verschieden und können eigene Namen haben.
Neben SpezialistInnen für Alltagssituationen leben in allen Multiplen
Persönlichkeiten (i.f. als MP bezeichnet) ein oder mehrere kleine
Kinder, die kindgerechte Fürsorge und Beschäftigung einfordern.
Weiters finden sich aufgrund der traumatischen Erfahrungen in der Kindheit
selbstzerstörerische oder suizidale Innenpersonen in einer MP,
die bei anderen Innenpersonen ebenso viel Angst auslösen, wie es
sehr aggressive Anteile tun.
Innenpersonen existieren nicht nur im Inneren einer
Person, sondern übernehmen auch die Kontrolle über den Körper
für einen gewissen Zeitraum. Diese Innenperson ist dann "draußen".
Nicht immer wissen die anderen "Anteile", die gerade "innen"
sind, was draußen vor sich geht.
Die Barrieren zwischen den einzelnen Innenpersonen
können ganz unterschiedlich dicht sein.
Manche wissen gar nichts voneinander, manche wissen voneinander, können
aber nicht aktiv eingreifen, wenn andere "draußen" sind.
Das kann für die MP, wie auch für FreundInnen und KollegInnen
sehr verwirrend sein. Vor allem, da dieser Wechsel
von einer Innenperson zu einer anderen nicht kontrolliert werden kann.
Diese Wechsel können kurzfristig sein oder es dauert Stunden oder
Tage, bis wieder ein neuerlicher Wechsel passiert.
Bei manchen ist eine bestimmte Innenperson für den Kontakt mit
der Welt zuständig und wird nur in besonderen Situationen oder
durch bestimmte Auslöser abgelöst. Auslöser können
bestimmte Worte, Stimmungen, Gerüche, Bilder, Anforderungen oder
Bedrohungen sein.
Wie entwickelt sich jemand zu einer multiplen Persönlicheit?
MP entsteht durch extreme (sexuelle) Gewalt in der Kindheit, meist
vor dem 5. Lebensjahr. Multiple zu werden ist ein Schutzmechanismus,
der das psychische Überleben eines Kindes in extremen und wiederholten
Gewaltsituationen ermöglicht.
Durch das Zersplittern der noch nicht voll ausgebildeten Persönlichkeit
des Kindes kann es weiterleben. Nur einige Anteile tragen die Erinnerungen
und den Schmerz in sich. Andere können somit ganz "normal"
funktionieren, z.B. zur Schule gehen oder arbeiten.
Auswirkungen auf den aktuellen Alltag
Der Alltag kann durch Zeitverluste und Erinnerungslücken manchmal
ziemlich verwirrend sein und es bedarf viel Kraft, dies anderen Menschen
nicht merken zu lassen.
Auf der anderen Seite haben MP wie viele Opfer sexueller Gewalt mit
Depressionen, Ängsten, Flashbacks und selbstschädigendem Verhalten
zu kämpfen.
Ein Tag mit extremen Wechseln der Aussenkontrolle der verschiedenen
Anteile kann dann ungefähr so aussehen:
Beim Aufwachen sehe ich Spielsachen im Zimmer herumliegen, die
gestern abend noch nicht da waren. Ich öffne meinen Kleiderschrank
und wundere mich, dass die Wäsche aus der Waschmaschine jetzt sauber
und zusammengelegt darin liegt (praktisch, oder?)
Plötzlich ist es zwei Stunden später und ich kann mich
an nichts erinnern. Ich stehe mitten in der Stadt und weiss nicht, wo
ich bin und was ich wollte.
Ein anderer Anteil hatte inzwischen die Kontrolle über den
Körper. Ich suche den Stadtplan und mache mich auf den Weg nach
Hause. War der Hund schon draußen? Eben mal kurz auf der Liste
nachschauen. Ja, der Hund hat auch schon gefressen. Wieder verliere
ich Zeit.
Der Nachmittag verläuft relativ normal. Aber als ich am Computer
sitze, sehe ein paar Notizen in einer anderen Handschrift herumliegen.
Schnell gehe ich noch einkaufen.
In meinem Kopf schreien alle durcheinander, jeder will etwas anderes:
Eis, Pizza, Bioäpfel...
Eins von den Kleinen weint schon den ganzen Tag.
Trotzdem gelingt es jemandem mit MP, noch einigermassen zu funktionieren.
Das ist das Wunder dabei.
aus http://mitglied.lycos.de/zevenslaper/
Jede dieser Innenpersonen erfüllt eine bestimmte Funktion
für das ganze System. Jede hat bestimmte Erinnerungen
und Fähigkeiten. Als Kind war dieses System überlebenswichtig,
im Erwachsenenalter erschwert die mangelnde Kommunikation zwischen den
"Teammitgliedern" den Alltag. Das System ist auf Überleben
eingestellt, nicht auf Leben.
Die Bewältigung des Alltags wird umso schwieriger, umso mehr Innenpersonen
es gibt und je stärker diese voneinander getrennt sind.
Was kann Psychotherapie für multiple Menschen tun?
Vorrangiges Ziel ist das sich gegenseitige Kennenlernen
der verschiedenen Innenpersonen.
Durch das vorsichtige Kommunizieren miteinander kann
jede Innenperson die positiven Funktionen der anderen erkennen, sie
können sich gegenseitig unterstützen, Dinge vermeiden, die
einzelnen Angst machen, und selbst hoch aggressive Anteile werden zu
einem hilfreichen Teil des Systems.
Es entsteht ein Team, das zusammenarbeitet und sich
gegenseitig in seiner Unterschiedlichkeit akzeptiert.
Das zweite wichtige Ziel einer Therapie ist die Aufarbeitung
des Traumas. Für einige Innenpersonen ist das traumatische
Geschehen immer noch aktuelle Gegenwart.
Aber es ist keine einfache Sache, dass alle Innenpersonen akzeptieren,
dass da noch andere sind.
Und es ist nicht einfach, andere Menschen zu finden, denen (fast) alle
vertrauen können.
Die Erfahrungen anderer Multipler können hier weiterhelfen:
webtippps:
http://www.multi-tips.de.vu/
http://www.mps-treff.de/
http://www.blumenwiesen.org
http://www.dissoziation.org
http://home.arcor.de/zevenslaper
http://www.dissoid.de
Literatur:
Michaela Huber: Multiple Persönlichkeiten. Fischer Verlag:1998
Sabine Marya: Schmetterlingsfrauen. Selbsthilfebuch für Frauen
mit multipler Persönlichkeit. Verlag Frauenoffensive 1999.