von © Carmen Unterholzer (2004)
Obwohl das Einsatzgebiet der Poesie- und
Bibliotherapie stetig größer wird, ist sie in Österreich
noch weitgehend unbekannt.
"Wir haben als TherapeutInnen erlebt, wie
giftig Sprachlosigkeit sein kann." Ilse Orth blickt auf
jahrzehntelange Berufspraxis zurück. "Wir sind Menschen begegnet,
die am Schwall leerer Worthülsen zu ersticken drohten."
Durch Erfahrungen wie diese wandte sich die Lehrtherapeutin
am Fritz Perls-Institut nahe Düsseldorf dem Medium Sprache zu.
Von der Denkschmiede der Integrativen Psychotherapie aus begann sie
mit KollegInnen Anfang der 80er Jahre die Poesie- und Bibliotherapie
im deutschsprachigen Raum zu etablieren.
In den USA war man 10 Jahre früher dran. Federführend waren
Jack J. Leedy aus New York und A. Lerner aus Kalifornien, die bereits
in den 70ern selbstbewusst formulierten: "Die Poesie gehört
zu den stärksten Ausdrucksmöglichkeiten des Menschen."
Sie installierten die Therapie mit Buch und Stift in psychiatrischen
Anstalten, Krankenhäusern und privaten Praxen.
Setzt die Musiktherapie auf die heilende Wirkung von Klängen, die
Maltherapie auf Farben und Bildern, so nutzt die Poesie- und Bibliotherapie
die Fähigkeit von Literatur, neue Perspektiven aufzuzeigen, Sprache
für Situationen zu verleihen, die stumm machen. Bücher geben
Anlass zu Gesprächen und eigenes Schreiben wirkt dort, wo mündliche
Kommunikation nicht mehr funktioniert, gegen das Verstummen.
Das Erleben der eigenen Kreativität
macht Menschen autonomer und selbständiger. Verschiedene psychotherapeutische
Richtungen nutzen Schrift und Literatur, allen voran die Integrative
Therapie. Sie spricht von Narrativen oder Skripts - wahrgenommene, erfasste,
verstandene Szene oder Episoden, die zur Lebensgeschichte, zur Narration
verknüpft werden. "Die eigene Biografie beinhaltet nie nur
einen Sinn, sondern vielfältige Sinnmöglichkeiten, und deshalb
gilt es in therapeutischer Arbeit für die Mannigfaltigkeit der
Deutungen zu sensibilisieren und vorschnellen Festlegungen auf einen
Sinn entgegenzusteuern", so definiert Hilarion Petzold, einer der
Gründerväter der Integrativen Therapie, die Aufgabe der Poesie-
und Bibliotherapie.
Narrative bergen aber die Gefahr, zu determinierenden
Mustern zu entgleisen - Muster, die in unserer Kindheit hilfreich waren,
können im Erwachsenenalter einengen.
Monika Schroth (Name verändert) hat die Wirksamkeit
von Lesen und Schreiben im therapeutischen Prozess erlebt. Die 40-jährige
Landschaftsarchitektin steckt in einer massiven Krise. Obwohl beruflich
erfolgreich und privat glücklich, verspürt sie permanentes
Ungenügen. Sie sollte mehr arbeiten, sich mehr um ihre Freundinnen
kümmern, mehr für ihren Körper tun. Mehr, mehr, mehr.
"Ich bin hohl, innerlich völlig ausgehöhlt", gesteht
sie ihrer Therapeutin. Am Ende der Stunde schlägt ihr die Psychotherapeutin
vor: "Schreiben Sie doch bis zum nächsten Mal einen Text über
dieses Gefühl der Leere." Vierzehn Tage später kommt
die Klientin mit vier klein beschriebenen Blättern. Ihre Emotionen
in Sprache zu gestalten, hätten sie gezwungen, intensiver und konzentrierter
nachzudenken. "Das war anstrengend, aber nachdem ich sie zu Papier
gebracht hatte, spürte ich eine große Entlastung. So als
hätte ich sie von mir weg geschrieben", erzählt Monika
Schroth.
Hilfreich sind poesie- und bibliotherapeutische Interventionen
dort, wo das Selbsthilfepotential von KlientInnen gestärkt
werden soll. Sie dienen vertiefter Selbsterfahrung oder der Verarbeitung
von Lebenskrisen.
Susanne Seuthe-Witz beispielsweise arbeitet als Poesie-
und Bibliotherapeutin an der Klinik für Tumorbiologie in Freiburg
(Breisgau). Auch im Londoner Maudsley-Hospital werden Frauen und Mädchen,
die an Anorexie leiden, zum Schreiben angehalten. Texte wie "Anorexie
- meine Freundin" und "Anorexie - meine Feindin" enthalten
wichtige Angaben über Glaubenssätze der Frauen, Schreibübungen
wie "A day in the life of my stomach" erleichtern ihnen durch
den spielerischen Perspektivenwechsel, ihr selbst schädigendes
Verhalten zu erkennen. David Epston, Therapeut in Neuseeland und Michael
White, Therapeut in Australien verstehen Therapie als einen Prozess
der Neukonstruktion von Geschichten. "Wir haben festgestellt, dass
die Schriftform von großer Hilfe ist, wenn Betroffene dazu ermutigt
werden, ihr Leben und ihre Beziehungen neu zu verfassen", betonen
die beiden.
Ich arbeite zurzeit an zwei poesietherapeutischen
Projekten. "Geschichte(n) meines Lebens" bietet Frauen,
die an ihrer Geschichte arbeiten wollen, ein Mal monatlich eine Plattform.
Wir ergründen schreibend Denkmuster, Glaubenssätze, wir weben
am "Textteppich unseres Lebens". Wir machen uns Gewesenes
bewusst, wollen es besser verstehen, die Gegenwart und Zukunft als eine
von uns gestaltbare erleben.
Information: Dr. Carmen Unterholzer,
Tel. 01/403 10 98, 0650/403 10 98,
E-Mail: carmen.unterholzer@aon.at