von © Bettina Reinisch (2005)
Persönliche Aufzeichnungen
vom April 1991
Seit drei Monaten besuche ich einmal pro Woche eine Encountergruppe.
Neun TeilnehmerInnen, ein Therapeut als “Facilitator” (seine
Aufgabe: den Prozess zu fördern).
Heute überrascht uns Anna, seit Anfang an ruhig wie ein Mäuschen.
Manchmal fragte ich mich schon, ob sie überhaupt “anwesend”
sei und beim nächsten Mal noch käme. Doch sie kam immer wieder.
Ob die Gespräche in der Gruppe irgend etwas bei ihr bewirkten,
blieb verborgen. Bis heute.
Zuerst zögerlich und langsam, als würde sie behutsam die richtigen
Worte suchen, dann zunehmend sicherer erzählte sie uns, was in
den letzten Wochen in ihr vorgegangen war.
Der wöchentliche Termin sei ihr wichtig geworden, den Gruppenprozess
habe sie aufmerksam verfolgt - und sie spüre sehr deutlich positive
Auswirkungen auf ihr Leben “draußen”, Entscheidungen
zu treffen fiele ihr leichter, mit anderen Menschen gehe es ihr besser.
Warum das so sei, wüsste sie nicht genau. Besonders wohltuend sei
aber, dass sie hier keinen Druck erlebe, dass sie von Anfang an das
Gefühl hatte, ihre Grenzen würden respektiert, sie dürfe
hier einfach so sein wie sie sich fühle – auch schweigsam.
Und selbst den Zeitpunkt bestimmen, wann sie reden wolle. Diese Erfahrung
hätte in ihr etwas ausgelöst und gelöst.
Ich erzähle diese Geschichte, weil mich Annas Rede damals sehr
verblüffte – und meine Vorstellungen über Gruppen verändert
hat.
Bis dahin hatte ich Theorien wie zum Beispiel:
• GruppenteilnehmerInnen dürfen nicht über längere
Zeit einfach nur da sitzen und schweigen
• Nur wer mitredet, beteiligt sich “wirklich”
• Nur wer mitredet, kann profitieren
Natürlich denke ich immer noch, dass das Mitteilen der Gedanken
und Empfindungen sehr wertvoll ist – für alle TeilnehmerInnen
wie für die mitteilende Person selbst. Doch mindestens genauso
wichtig ist der Zeitpunkt – wann es für jemanden passt, von
sich etwas zu sagen.
Eine Grundvoraussetzung, sich mitzuteilen, ist ein Gefühl der
Sicherheit. Die Sicherheit zu haben, dass man verstanden, akzeptiert
und respektiert wird.
Im Institut Frauensache ist es nun schon Tradition, Gruppen für
Frauen anzubieten, in denen wir uns an den Grundsätzen des personenzentrierten
Ansatzes orientieren. Wichtig ist, dass TeilnehmerInnen in Gruppen sich
wohl fühlen, zunehmend öffnen und so gegenseitig fördern
können.
In diesem Sinne ist es uns auch ein Anliegen, Frauen einzuladen, in
unsere Gruppen zu kommen, die von sich glauben, sie seien zu schüchtern
– oder die befürchten, in Gruppen müssten sie besondere
“Leistungen” vollbringen.